Die 7. Runde der Oberliga Nord West bescherte der Ersten die längste Auswärtsfahrt der Saison: wir mussten beim Mitaufsteiger aus der Landesliga Süd, den SC Braunschweig Gliesmarode, antreten. Beide Mannschaften liegen auf den letzten Tabellenplätzen, und es war klar, dass nur ein Sieg Aussicht auf den Klassenerhalt bot.
Begrüßt wurden wir vom Schiedsrichter Hans Bachmann, einem ehemaligen OSV-Vereinskameraden, der aber schon vor vielen Jahren ins östliche Niedersachsen gezogen war. Er hatte mit der Leitung der Begegnung keinerlei Probleme, denn trotz der sportlichen Bedeutung ging es an allen Brettern bemerkenswert fair zu.
Paul an Brett 2 wählte mit Schwarz eine scharfe Eröffnungsvariante, die er aber nicht genau genug behandelte, so dass der Gegner beim Übergang zum Mittelspiel schon klaren Positionsvorteil hatte. Nachdem es diesem auch noch gelang, einen weißen Springer nach c6 zu bringen, schien die Partie für uns verloren zu sein. Allerdings fand Paul eine versteckte taktische Abwicklung, in der er weiter als der Gegner gerechnet hatte. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, konnte er für die Dame einen Turm und zwei Springer vorweisen, womit er wohl auf Gewinn stand. Leider gelang es ihm nicht, sein Figurenknäuel auf den beiden letzten Reihen zu entwirren und gab sich deshalb mit Zugwiederholung zufrieden.
Am 8. Brett erreichte David in einer bekannten Theorievariante schnell eine ausgeglichene Stellung. Nachdem sein Gegner einen Angriff am Königsflügel eröffnete, unterschätzte er aber die weißen Aussichten und geriet in eine bedrohliche Lage. Durch ein überstürztes Figurenopfer des Weißen änderte sich die Situation schlagartig, denn David erreichte durch genaue Verteidigung eine Gewinnstellung. Bei mittlerweile knapper Bedenkzeit und kurz vor der Zeitkontrolle versagte dann auch noch die Uhr, aber bevor es hierüber zu Diskussionen kommen konnte, einigten sich beide Spieler auf Remis – 1 : 1.
Aus zwei günstigen Partieverläufen waren wieder nur zwei Unentschieden herausgekommen: der bisherige Saisonverlauf schien sich in Braunschweig zu wiederholen. Aber es sollte zunächst noch ärger kommen.
Geert am 6. Brett hatte sich trotz eines ungewöhnlichen Entwicklungsschemas eine stabile Position erarbeitet. Der Weiße behielt zwar einen andauernden leichten Vorteil, aber es war nicht zu erkennen, wie die schwarze Stellung eingenommen werden sollte, zumal Geert sich gut verteidigte. Nach Abtauschen im Zentrum und am Damenflügel verflachte die Partie, aber als ein Remis unmittelbar bevorstand, stellte Geert durch ein Versehen eine Figur ein – Aufgabe.
Edward eröffnete mit Weiß seine Partie an Brett 3 zu zahm, wodurch sein Gegner bereits nach wenigen Zügen die etwas bessere Stellung erhielt. Der Anziehende versuchte den wachsenden Stellungsdruck im Zentrum durch einen Angriff am Königsflügel zu kontern. Das erwies sich allerdings als nicht ausreichend und führte aufgrund der schwarzen Dominanz im Zentrum zu noch größerem Vorteil des Nachziehenden. Edward setzte alles auf eine Karte, überließ seinen Damenflügel dem Gegner und hoffte, mit einer Attacke seiner Schwerfiguren den schwarzen König überrumpeln zu können. Durch umsichtige Verteidigung gelang es dem Gegner jedoch, alle Drohungen abzuwehren und mit dem Vormarsch seines freien a-Bauern die weiße Kapitulation zu erzwingen.
Zwischenstand: 1 : 3. Unsere Hoffnungen auf den Klassenerhalt waren bei fast Null. Ein Blick auf die restlichen Bretter ließ aber wieder Zuversicht aufkommen, denn keiner unserer Mannen stand auf Verlust, und die kampfbetonten Stellungen versprachen noch einen spannenden Endspurt mit offenem Ausgang.
Nach beiderseits ruhiger Eröffnungsbehandlung konnte Dirk am Brett 1 zu Beginn des Mittelspiels einen schweren Fehler seines Gegners ausnutzen, um mit Weiß gegen einen schlecht zu verteidigenden Isolani vorzugehen. Nach wenigen Zügen konnte er die erste Bauernernte einfahren, um anschließend mit überzeugender Technik seinen Vorteil in eine Gewinnstellung umzumünzen. Die verzweifelten Versuche des Schwarzen, Verwicklungen herbeizuführen, wehrte Dirk mit gewohnter Präzision ab, heimste noch einen Bauern ein und führte das Damenendspiel schnell zu unserem ersten vollen Brettpunkt.
Maximilian erreichte mit Weiß am 6. Brett eine Stellung, in der er lange einen kleinen Vorteil behaupten konnte, indem er mit allen Figuren den schwarzen Damenflügel belagerte. Nach einem beiderseits gut geführten Positionskampf brachte er dem Gegner einen Doppelbauer im Zentrum bei, der aber kaum auszunutzen war. Der Schwarze verteidigte sich zunächst gut, rückte dann aber riskant mit seinem freien d-Bauern vor, weil er sich davon endlich Gegenspiel erhoffte. Im anschließen Getümmel übersahen beide Seiten Drohungen des Gegners, bis Maximilian schließlich einen entscheidenden Angriff auf den schwarzen König landen konnte. 3 : 3 – Ausgleich!
Am 4. Brett hielt ich mit Schwarz die Partie zunächst im Gleichgewicht. Zwar erzielte der Weiße im Zentrum ein numerisches Übergewicht, was ich aber durch eine vorgerückte Bauernmehrheit am Damenflügel noch ausgleichen konnte. Die Partie gewann deutlich an Dynamik, nachdem mein Gegner auch noch eine Attacke am Königsflügel startete. Leider reagierte ich darauf nicht richtig und geriet unter starken Druck, nachdem der Anziehende auch noch am Damenflügel angriff. In zugespitzter Lage versuchte er, den Druck noch weiter zu steigern, übersah dabei aber einen taktischen Springerrückzug, verlor eine Figur und büßte sofort alle Vorteile seiner Stellung ein. Im anschließenden technischen Teil der Partie gelang es mir trotz heftigen und einfallsreichen Widerstands, den Vorteil zu halten (wenn auch nicht ohne Wackler) und letztlich in ein einfach zu gewinnendes Endspiel abzuwickeln.
Stand: 4 : 3! Wir hatten die Begegnung tatsächlich noch gedreht, aber ein Unentschieden nützte uns herzlich wenig. Alle Blicke richteten sich daher auf die letzte Partie am 7. Brett, wo Boris, unser Spitzenbrett aus der Zweiten, unser Team verstärkte.
Dort hatte sich bis weit ins Mittelspiel wenig getan, und nach Öffnung des Zentrums kam es zu einem Massenabtausch. Das resultierende T+S-Endspiel war bei symmetrischer Bauernstellung ausgeglichen, aber für Boris etwas einfacher zu spielen, da er die Initiative hatte. Nach unvorsichtiger Verteidigung des Schwarzen konnte Boris seinen Turm in den Rücken der gegnerischen Stellung bringen und schließlich einen Bauern gewinnen. Schwarz revanchierte sich durch Bauerngewinn auf dem weißen Königsflügel, gestattete aber dadurch das Vorrücken der weißen Freibauern am Damenflügel, was Boris eine klare Gewinnstellung einbrachte. Kurz vor dem Ziel ließ er sich jedoch von Scheindrohungen des Gegners von der Verwertung seines Vorteils ablenken. Zu diesem Zeitpunkt hatte beide Seiten allerdings nur noch wenige Minuten auf der Uhr, und da alle anderen Partie beendet waren, wuchs die Anspannung bei beiden Kontrahenten und den zahlreichen Zuschauern auf das Äußerste. Boris behielt jedoch mit all seiner Erfahrung die Nerven, ließ sich auf keine Abenteuer mehr ein und fuhr mit seinem Remis den erlösenden halben Punkt für unseren Gesamtsieg ein.
Ein wichtiger, wenn auch knapper Sieg, mit dem wir zwar unsere Chancen auf den Klassenerhalt wahren, aber noch nichts Verlässliches erreicht haben. Auf uns warten zwei weitere „Endspiele“, während die Braunschweiger ihre Hoffnungen wohl begraben müssen.
Hans-Joachim Wöstmann
