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Äsop 2.0

Runde 5, Auswärtsspiel beim TSV.
Fast wie in Äsops Fabel vom kranken Löwen in der Höhle und dem schlauen Fuchs davor ("Vestigia terrent", spricht der Fuchs auf Lateinisch) ging unsere Fünfte zwar ins Gästespiellokal hinein, kam aber nahezu ohne Punkte wieder heraus. Und das kam so:

Das Spiellokal - die große Depression

Erinnern wir uns: 1929, das Jahr der Weltwirtschaftskrise und großen Depression. Den Osnabrückern fehlte allerdings noch ein ins Auge springendes Zeichen der Krise, und so beschloss der Stadtrat ohne Gegenstimme, in der tristen Bahnhofsgegend eine triste große Sackgasse zu verlegen.
Später ab den 1950ern wollte man das Gemachte natürlich wieder verschweigen, mein Falk-Stadtplan z.B. kennt in seinem Straßenindex gar nicht jene Sackgasse. Und in der Tat ist sie auch nach 80 Jahren weiterhin eine verschwiegene Sackgasse, an deren Ende sich aber unser Zielort "Gästespiellokal" befand.

Unser Aufgebot bestand aus Maximilian Reuschel, Lukas Schiermeyer, Simon Hugenberg, Elisa Glaß, Amir Samani und Günther Bensmann. Schon die Anreise gestaltete sich kompliziert. Weil wir alle ohne Auto waren, musste Lukas per Bus abgeholt werden, der Rest wollte sich vorm Erdbeerblau treffen und gemeinsam zum Turnierort finden.

Allerdings traf sich nicht der ganze Rest vorm Erdbeerblau. Maximilian blieb irgendwo zwischen Bramsche, Hasetor, Barenturm und Erdbeerblau auf der Strecke, und die Krise begann. Wo gespielt wurde, wusste er nämlich nicht.

Im Turniersaal waren wir also nur zu fünft. Ein Kontaktieren mit dem Host (neudeutsch für: Eltern) brachte keine neuen Informationen über Maximilians Verbleib. Sollten wir kostengünstig aufrücken oder nicht? Viel Mut brauchte es nicht für die Entscheidung, weil mögliche Gebühren für das Freilassen von Brett 1 nicht vom Privat-, sondern Vereinskonto abgebucht werden. Also täuschten wir um 16 Uhr Zuversicht vor, vertrösteten den TSV-Spieler am Spitzenbrett vage auf später und begannen die anderen fünf Turnierpartien. Ich selber machte mich per Bus und zu Fuß auf eine rasante Suche durch halb Osnabrück.

Intermezzo Wintersport

Mit das einprägsamste Wintersportereignis war die rasante Olympia-Tour eines Langläufers namens Behle und die ebenso rasante Suche nach ihm. Er galt nicht als Favorit, war aber nach einigen Kilometern doch weit vorne anzutreffen, und die Reporter im deutschen Funk und Fernsehen wurden immer aufgeregter. Bahnte sich da eine Sensation an? Plötzlich aber konnten keine Zwischenstände mehr eingeblendet werden! Die Reporter mussten anhand der Kameras entlang der Strecke die Platzierung innerhalb des Teilnehmerfeldes herausklamüsern. Jeder suchte (und fragte) die Läufer auf der Loipe. "Wo ist Behle? Wo ist Behle?" rief ein Reporter hektisch bis cholerisch, als er sich anhand der Fernsehbilder von den unteren Rängen nach oben arbeitete. In der Zwischengruppe war Behle nicht, in der Führungsgruppe war er nicht, hm, und bei den Ausreißern ganz vorne war er auch nicht, ach doch, da war er ja plötzlich, und beim Zieleinlauf war die Sensation perfekt. (Ich glaube, für seinen Ausruf hat der Reporter später einen Fernsehpreis bekommen.)

Ok, 16 Uhr 20, am Hasetor war Maximilian nicht, vorm Erdbeerblau war er (zumindest 16 Uhr 26) nicht, am Turm war er nicht, ach doch, da ist er ja, jippieh!, aber leider ist es schon 16 Uhr 38, schaffen wir das noch mit dem öffentlichen Nahverkehr bis 17 Uhr? Und wir also schnell in Richtung Haltestelle Linie 53. Die 53, die einzige, die uns retten kann, will uns gerade vor der Nase wegfahren. Am Steuer muss ein TSV-ler sein. Aber ihm drehen sich an der vereisten Haltestelle die Räder. Und ob er nun will oder nicht, wir holen ihn ein und klopfen mit Erfolg an die schon geschlossene Tür. 16 Uhr 40-nochwas steigen wir ein und los geht's, bis Viertel vor Fünf sind wir am Berliner Platz und flitzen von dort lieber zu Fuß als auf den Anschlussbus zu warten. Zehn vor Fünf sind wir vorm Spiellokal angelangt, und kurz darauf beginnt die Partie an Brett 1.

Menschliches, Allzumenschliches

Zehn vor Fünf sind wir an den anderen Brettern aber meistens schon jenseits von Gut und Böse angelangt:
Lukas verliert in diesem Augenblick nach einem Abtauschtrick einen ganzen Turm, und Simon und Elisa haben jeweils schon eine Figur weniger. Zumindest Amir steht ganz ok, mit schöner Verdreifachung der Schwerfiguren auf der e-Linie. Günther spielt gegen einen ganz Kurzen, und seine Stellung sieht ein bisschen bizarr aus. Anscheinend hofft er auf die juvenil bedingte physische Unmöglichkeit seines Gegenübers, die Schachfiguren bis auf die weit entfernte Grundreihe bugsieren zu können. Günthers Figuren haben sich nämlich allesamt auf der sicheren Grundreihe aufgereiht. Aber auch Milchzähne können schon ganz ordentlich zubeißen, und nachdem armlängenbedingt dann eben nur auf der 6. und 7. Reihe ordentlich gegabelt und gespießt wird, geht der Punkt an den TSV-Nachwuchs.

Amir konnte unterdessen die schöne offene Linie gegen eine ebenso schöne Diagonale eintauschen, die direkt nach f7 zielt. Und die Zuschauer konnten die Geburt eines Vorpostenspringers erleben, den diese Diagonale hervorgebracht zu haben schien. Das Ende kam nach dem Vormarsch seines g-Bauern bis nach g6 und dem Einschlag auf f7: ein Partiegewinn in Form eines Springermatts, Schach kann eine fröhliche Wissenschaft sein! Amirs Sieg sollte aber unser einziger Ehrenpunkt bleiben:

Am Spitzenbrett zeigten sich alle Bemühungen der vergangenen Stunden als umsonst. Maximilian verhedderte sich im Mittelspiel und gestattete den gegnerischen Leichtfiguren, einen unbeschwerten Eistanz aufzuführen. Wie einem Wanderer sein Schatten folgten diese Leichtfiguren seinen Türmen. Nach nicht zu verhinderndem Qualitätsverlust mag er auf keine Morgenröte mehr hoffen und muss leider aufgeben.

1:5 ! Angesichts dieser herben Niederlage konnten wir anschließend im Erdbeerblau nur noch den nächsten Spieltag feiern; an dem haben wir nämlich spielfrei.

Christoph Neumann

 

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