Faszination Wijk
Ein erster Fotobericht von der Fahrt nach Wijk

Die Reise unserer Wijk-Fahrer begann am Freitag Vormittag mit Schneegestöber und endete am Samstag zu mitternächtlicher Stunde mit Schneechaos. Dazwischen war herrlichster Sonnenschein:


Egmond aan Zee, das Basislager der Wijk-Fahrer.
Der weiße Turm auf h1 im Postkartenidyllen-Format

Schon auf der Hinfahrt waren alle kribbelig und gespannt. Kein Wunder, dass in dieser überspannten Aufgeregtheit die Kalauer in steter Folge wie die Kilometersteine daher kamen. Ein Beispiel: Worin unterscheidet sich ein Schach-Wunderkind von einem normalen Kind? Eigentlich in nichts, nur das eine spielt mit Holzklötzchen, das andere mit Leko.

Im Basislager Egmond aan Zee, etwas nördlich von Wijk gelegen (wie weit genau, wissen wir nicht, weil wir uns auf den Fahrten dauernd verfahren haben), zeigt sich die Niederlande von ihrer schönsten Seite.

Ein Städtchen in Zuckerwatte:

Egmond aan Zee, direkt an der Nordsee gelegen, wird in der Nacht von Freitag auf Samstag mit 5 cm Neuschnee beglückt.

 

Die Partien begannen jeweils am Nachmittag. In der Runde am Freitag waren die Partien von Ray Robson (Zeitnotschlacht) und Anish Giri (positionelles Figurenopfer) mit am spannendsten. Auf beide kommen wir vielleicht später noch einmal zurück. Nicht so sehr die Partie (die natürlich auch), sondern das Partieende von Shirov gegen Kramnik raubte fast den Schlaf - zumindest stand einer von uns in Himmiherrgottsakra-Frühe auf, um auf dem Schachbrett des Hotelmanagers zu analysieren.

 

 

Die Endstellung: Weiß (mit Mehrfigur) hat auf b5 geschlagen und bietet gleichzeitig Remis an, weil die Partie für ihn nicht mehr zu gewinnen ist.Schwarz nimmt an.

Samstag früh kam auch die Erklärung:

A) Die Grundidee:

1... axb5 2.Sxb5 g5!

siehe Diagramm

Danach wandert der schwarze König unbehelligt nach g6, und mittels h6-h5 wird der letzte weiße Bauer abgetauscht - Remis!

 

 

 

 

B) Will Weiß am Damenflügel seinen Bauern behalten, übernimmt Schwarz die Initiative:

1... axb5 2.a5

siehe Diagramm

und jetzt natürlich 2... b5-b4, und Schwarz behält an beiden Flügeln nicht ungefährliche Bauernmehrheiten.

3.Se4 Kd5 4.Ke3 Kc4

siehe Diagramm


und der Bauer a5 geht verloren.

 

 

Schwer beeindruckt waren wir von der direkten Nähe zu den Großmeistern. Man ist mit ihnen sozusagen auf gleicher Höhe und nicht - wie etwa im Dortmunder Schauspielhaus bei dem dortigen Turnier - im Zuschauersaal mit Blick auf eine erhöhte Bühne.

Bei näherem Betrachten fällt bei den Großmeistern das eine oder andere auf, GM Ni z.B. schneidet Grimassen (und wird so lange schneiden, bis ihm ein Gegner mal eine scheuert), GM Kramnik kippelt mit dem Stuhl (so lange, bis er mal fällt), und so weiter, und so fort. Oder auch diese beiden:

Kaum zu glauben, aber beim Schach ist eben alles möglich: GM Tomi Nyback ist in seinem Heimatland Finnland Werbeträger für --- Mineralwasser.

Aber hat finnisches Mineralwasser nicht selbst auch schon einige Prozente zu bieten? Falls ja, und es scheint einiges dafür zu sprechen, dann natürlich aus reinen Frostschutzgründen, versteht sich.

Ray Robson erinnerte irgendwie an eine der beiden Hauptfiguren aus dem Märchen "Hänsel und Gretel".

 

War weiter oben von Kalauern die Rede? - Bittesehr:

Ivanchuk guckt bei Anna Muzychuk in den Partieausschnitt.

 

Jetzt zur Glanzpartie von Anish Giri

Wesley So gegen Anish Giri, Schwarz am Zug. Zwei Figuren sind gegabelt, also müsste er auf d2 tauschen, oder?

Aber Schwarz opferte mit 1... Dd8-f6 eine Leichtfigur, um Druck auf der f-Linie zu bekommen. Es war ein positionelles Opfer, wo auch der Schwarze nicht wusste, wohin die Reise führen wird und deshalb viel Zeit brauchte. Er war sogar stets knapper dran als Weiß.

Aber mit Erfolg!

Ein Dutzend Züge später hielt Wesley So dem Druck nervlich nicht mehr Stand und versemmelte die Partie, so dass folgende Stellung entstand:

Anish Giri mit Schwarz am Zug - Matt in 2 !!

Wie schon in Dortmund hatten wir als eingefleischte Carlsen-Fans unsere Norwegen-Fahne mitgebracht und schmückten damit unser Auto. Als Carlsen seine Partie gewann, war das auch für uns ein Grund zum Feiern.

Doch wer glaubt, nach etwa durchzechter Nacht wären wir am folgenden Tag
von links nach rechts: Jakob Münstermann, Jürgen Mager, Christoph Neumann
nur noch ein Schatten unserer selbst gewesen, täuscht sich gewaltig!


Sonnenaufgang am Samstagmorgen

Nach früher Bettruhe machten wir am anderen Morgen munter und fidel einen langen Strandspaziergang. Dort wurden wir unfreiwillig Zeugen eines seltsamen Unfalls:

 

 

Ein Übungsschiff der Küstenwache kurvt vor der Küste, bzw. will vor der Küste kurven. Am Steuer ist ein Praktikant, der, wie das Foto zeigt, schleunigst einen Links-Schwenk machen muss, damit das Boot nicht strandet.

Fangfrage á la Hätten Sie's gewusst: Backbord oder Steuerbord?

Der Käpt'n ruft Backbord! Mit solchen Fachbegriffen ist natürlich jeder Praktikant überfordert. Er dreht nach rechts und rast auf den Strand zu (siehe dramatisches Bild rechts).

Die Spaziergänger am Strand schreien und laufen weg. Unser Knipser ist aber stehen geblieben (für die Gunst des Fotoklicks, wie er sagt, aber, wie wir meinen, einfach vor lauter Schreck).

 

 

Padautz, jetzt ist es geschehen.

Und das auch noch im absoluten Halteverbot. Zu allem Überfluss kommt nämlich sofort ein Strandwächter und schreibt einen satten Strafzettel.

Alle Fotos haben wir übrigens selber gemacht. Auch das Briefmarken-Motiv auf der Startseite:

Ein guter Zug: Der weiße Turm ist zentriert.

Dieses Foto wurde mit einer Digitalkamera im "Polarkreis-Modus" aufgenommen.

Hierbei werden ausschließlich kalte Farben verwendet.

 

 

 

Die Schachdiagramme wurden in bewährter und gewährter Weise mit dem Programm ChessBase 8.0 erstellt.